Lebensweis(s)e

Die Sache mit ... Martin Luther und dem Bier

 

Beginnen wir ausnahmsweise mal mit gleich zwei Zitaten:
 

„Bier ist Menschenwerk, Wein aber ist von Gott.“

„Ich sitze hier und trinke mein gutes Wittenbergisch Bier und das Reich Gottes kommt von ganz alleine“

 

Ja, es mag schon ein wenig verwundern, dass diese beiden Aussagen von ein und derselben Person stammen - und einer historisch ziemlich bedeutsamen dazu. Auch in seinen Aussagen zum Bier ist Martin Luther ein offensichtlich vieldeutiger Denker. Oder einfach: ein Mensch. Und wer will es einem Menschen, der unerhört Neues zu glauben und sagen wagt, verdenken, wenn er auch mit sich selbst manchmal in Widerspruch gerät.

Dabei sind Luthers gegensätzliche Einschätzungen des Bieres immer auch aus ihrer Zeit heraus zu betrachten: Luther hat die lithurgische Bedeutung des Weins in seinen Predigten durchaus betont - zumindest dieser Teil der traditionellen Messe scheint ihm nicht sonderlich reformbedürftig gewesen zu sein - warum auch den guten Wein gleich mit dem Bade ausschütten?

Im Privaten aber scheint ihm der Gerstensaft deutlich näher gestanden zu haben, sicher nicht zuletzt deshalb, weil Wein auch in der frühen Neuzeit noch eine echte Kostbarkeit darstellte. Bier dagegen war vergleichsweise günstig herzustellen, vor allem in Form des zu Luthers Zeiten noch sehr weit verbreiteten "Dünnbiers".

Dieser Begriff, der heute vor allem zur Kennzeichnung wenig würziger Industriebiere dient, bezeichnete im Mittelalter und der frühen Neuzeit ein völlig gängiges und beliebtes Brauerzeugnis: ein alkoholischer Getreidesud, der meist noch nicht mit Hopfen gewürzt war und weniger als 2% Alkohol enthielt - heute geschmacklich sicherlich jenseits auch der niedrigsten Akzeptanzgrenzen. Aber immerhin: Das zu Zeiten der Reformation vorrangig getrunkene Bier war damit deutlich leichter, als die heute gängigen Biere. Allein deshalb muss man die vielen Berichte über den legendären Alkoholkonsum der Menschen im Mittelalter und der frühen Neuzeit mit etwas Vorsicht genießen - und nicht zuletzt die entsprechenden Berichte über Martin Luther, der eine verbürgt große Leidenschaft für Bier hatte.

Das "Augusteum" oder "Lutherhaus" in Wittenberg - in dem ehemaligen Ausgustinerkloster können Besucher auch heute noch die von Martin Luther betriebene Braustätte sehen.
(Foto: Marcus Singer)

Noch zu Luthers Zeiten ist Bier ein Lebensmittel - weniger so, wie wir es aus jüngeren bayrischen Gesetzestexten kennen, sondern im reinsten Wortsinn: Dünnbier wurde von allen Familienmitgliedern getrunken, auch von Kindern, und zumeist zu jeder Mahlzeit.

Das hatte nicht zuletzt mit dem allgegenwärtigen Mangel an sauberem Trinkwasser zu tun. Denn bis in Mitteleuropa die hygienischen Standards der antiken Weltreiche mit ihren ausgeklügelten Kanalisations- und Bewässerungssystemen wieder erreicht werden sollten, würden noch Jahrhunderte vergehen.

Martin Luther aber war nicht nur mit den gängigen "Light Beer"-Varianten seiner Zeit gut vertraut. Denn der spätere Kirchenreformer verfügte durchaus über die finanziellen Mittel, sich auch die deutlich teureren Starkbiere leisten zu können.

Aus wohlhabendem Elternhaus stammend, war ihm eine für damalige Verhältnisse ungewöhnliche hohe Bildung zuteil geworden. Und die ermöglichte es ihm schließlich, als Augustinermönch eine beachtliche Karriere zu durchlaufen, die ihn schließlich bis zu einer Professur für Bibelauslegung an der Universität Wittenberg führte. Eine sowohl renommierte wie auch einträgliche Stellung - was allein schon zeigt, dass das Bild vom bescheidenen und asketischen Mönchs auf Luther sicher nicht zutrifft.

So oder so ähnlich dürfte es zugegangen sein - in der Craftbeer-Werkstatt der Luthers.
(Auszug aus Jost Ammans "Ständebuch" von 1568)

1532 wird Luther dann das Wittenberger Augustinerkloster übereignet - ein stattlicher Immobilienbesitz, mit dem außerdem ein paar sehr angenehme Rechte einhergingen. Denn Hausbesitz war im Wittenberg des 16. Jahrhunderts unter anderem die Voraussetzung dafür, Bier brauen zu dürfen - und es sogar frei zu verkaufen.

Tatsächlich hat Luther von diesem Recht großzügig Gebrauch gemacht. Allerdings dürfte er selbst nie wirklich als Braumeister gewirkt haben. Das Brauen von Bier war in dieser Zeit ein häusliche Aufgabe und deshalb - wir bitten alle weiblichen Leser an dieser Stelle stellvertretend um Entschuldigung - "Frauensache". Als Frau von hohem gesellschaftlichen Ansehen wird zwar auch Luthers Ehefrau Katharina von Bora nicht selbst die Schöpfkelle geführt haben. Aber der luthersche Haushalt verfügte über eine große Zahl von Bediensteten, die unter anderem auch das Bierbrauen übernommen haben dürften - und zwar mit einigem Eifer. Denn neben dem alltäglichen Dünnbier lagerten auch stärkere Biere in den Fässern des Augustinerklosters, seinerzeit eine echte Wertanlage.

Aus vielen Quellen wissen wir, dass Martin Luther nicht nur Produzent, sondern auch fleißiger Konsument des (damals noch mehr oder weniger) goldenen Getreidetrunks war. Dass er dabei aber wohl zumeist "das rechte Maß" hat walten lassen und immer viel Gespür für Qualitätsunterschiede hatte, beweisen viele historischen Quellen. Auch beim Bier war Luther also beides: ein Kind seiner Zeit, aber auch ein Denker des Neuen.

Also: Erheben wir unser Glas heute konfessions-übergreifend auf einen mutigen Querdenker...das geht sogar in Bayern!

Schneider Weisse TAP6 Aventinus am Kamin mit Kaiserschmarrn

Unsere Empfehlung

Viel näher dran geht eigentlich kaum: unser TAP6 ist nach Luthers Beinahe-Zeitgenossen Johannes Aventinus benannt. Und der hatte auch noch ganz schön viel mit Geschichte zu tun ... wir empfehlen also einen ganz und gar aktuellen Hochgenuss mit historischen Wurzeln:

TAP6 Mein Aventinus

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