Bierernst?!

Die Sache mit … dem Schnee

So stimmig und nachvollziehbar schien das, was der deutschstämmige US-Amerikaner Franz Boas 1911 der Weltöffentlichkeit präsentierte, dass es einfach wahr sein musste. Der berühmte Ethnologe und Sprachwissenschaftler hatte sich über Jahre intensiv mit der Sprache der Inuit beschäftigt. Und im Zuge dessen schließlich eine fundamentale Theorie zum Zusammenhang zwischen Umwelt und Sprachentwicklung entwickelt. Demnach passten verschiedene Volksgruppen ihr Vokabular den natürlichen Lebensbedingungen und ihren kulturellen Eigenarten derart an, dass besonders prägende Naturphänomene auch eine besonders prominente Stellung im Sprachgebrauch einnehmen mussten.

Diese Vorstellung schien nicht nur intuitiv nachvollziehbar, sondern deckte sich auch mit der noch vergleichsweise jungen Evolutionstheorie Charles Darwins. Warum auch sollte der beständige Anpassungsdruck der Lebewesen sich nicht ebenfalls in der kulturellen Entwicklung wiederspiegeln?

Inuit-Frau blickt in die eisige Ferne Groenlands.

Haben sie nun? Oder haben sie nicht, die Inuit, 100 Wörter für Schnee?
(Foto: Ansgar Walk)

Boas wichtigster Zeuge dabei: Schnee. Der enthusiastische Wissenschaftler hatte in den Inuit-Sprachen vier Begriffe identifizert, die verschiedene Formen von Schnee umschrieben: „Schnee am Boden“, „fallender Schnee“, „driftender Schnee“ und „Schneewehe“. Dass das Englische demgegenüber nur das Wort „Snow“ kannte, schien Boas ein klarer Hinweis darauf zu sein, dass das Vokabular einer Sprache zugleich ein Spiegel konkreter Lebenserfahrungen sein müsse. Anders gesagt: was unseren Alltag prägt, prägt auch unsere Art zu kommunizieren.

Interessanter Typ, interessante Ideen: Franz Boas (1858-1942)

Presse und Öffentlichkeit nahmen Boas Theorie begeistert auf, was sicher auch ein Folge der zum Beginn des 20. Jahrhunderts noch häufig romantisch verklärten Sicht auf „indigene Lebensweisen“ war - das Zerrbild vom „edlen Wilden“ war längst nicht aus allen Köpfen verschwunden. Aus den ursprünglich vier Wörtern für Schnee wurden so bald hunderte - und die Legende vom Sprachreichtum der Inuit ein beliebtes Thema in Smalltalk und Literatur.

 

So einnehmend aber die Vorstellung von „100 Wörtern für Schnee“ auch immer sein mag – sie ist schlicht falsch. Tatsächlich erscheinen in den verschiedenen Inuit-Sprachen zusammengesetzte Informationen häufig als ein Wort. So bezeichnet der Begriff „​​​​​​qanik“ fallenden Schnee, der Begriff „qanittaq“ dagegen vor kurzem gefallenen Schnee. Dass beide Wörter dabei aber auf eine gemeinsame Wurzel zurückgehen, ist leicht zu erkennen. Im Grunde unterscheiden die Inuit verschiedene Sorten von Schnee also nicht anders als der durchschnittliche Oberbayer oder Tiroler, wenn dieser von „​​​​​​Harschschnee“, „​​​​​​Pulverschnee“ oder „​​​​​​Sulzschnee“ spricht. 

 

Die berühmten „​​​​​100 Wörter für Schnee“ gehören also ins Reich der Legende. Gut, dass wir bei Schneider Weisse es etwas bescheidener angehen, und nur 11 Wörter für höchsten Genuss kennen – und eines davon heisst, passender geht es kaum, „Eisbock“.


ZUM Eisbock

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